Kommentar: Minden oder die Nacht der langen Fingernägel

Ein Kommentar von Jurgen Schnake
Fingernägel wachsen angeblich nach dem Tode noch weiter. Das ist zwar ein Mythos, aber ein faszinierender – und einer, den man im letzten Hauptausschuss fast schon sehen konnte…
Juergen SchnakeBis auf meinen persönlichen Favoriten (fiese Geräusche in Gesprächspausen – bei Interesse zeige ich das gern mal im persönlichen Treffen) konnte man in diesem Ausschuss fast jede Beschäftigung mit Fingernägeln sehen: von fasziniertem Draufstarren über dran knibbeln bis natürlich hin zum kauen. Alles war dabei. Zum Teil so unappetitlich, dass ich mal so freundlich bin, hier keine Namen zu nennen.
Fairerweise muss man aber auch sagen, dass die Flucht in diese so genannten Übersprungshandlungen verständlich war: Gleich zwei Vorträge, die wieder einmal kaum mehr als abgelesene Powerpoint-Präsentationen waren, regten den Kreislauf nicht unbedingt an.
Zunächst war da der Herr Pfeiffer von der Firma POT. (Wie schon beim letzten Bericht gilt: Nein, ich denk‘ mir das nicht aus!) Der verkauft der Stadt Minden kein Gras, sondern… tja… wie beschreib ich das… ganz tolle, supergrandiose Arbeitsplätze. Ich komme da ein wenig ins Schwimmen, weil Herr Pfeiffer ganz tolle viele Grafiken mit ganz tollen vielen hippen Begriffen drauf hatte. Die klangen alle supertoll – und nichtssagend. Vom „Megatrend“ über „mobile working“ bis runter zum „Respekt“ (Alda!) am Arbeitsplatz – es war alles dabei. Hätte ich das geahnt, ich hätte mir ein formidables Bullshitbingo gebastelt. Und gewonnen!
(Gern hätte ich natürlich ein paar der Folien abfotografiert – aber das ist und bleibt ja illegal in dieser Stadt.)
Wo ich dann aber wirklich aufgehorcht habe, war der Punkt Referenzen. Für mich selbst ist eine Referenzliste einer der wichtigsten Punkte bei einer Bewerbung oder einem Angebot. Es sagt viel über jemand aus. Zum Beispiel über seine Sorgfalt. POT hat auf seiner Referenzliste nicht nur die Dresdner Bank (die es seit Jahren schon nicht mehr gibt…), sondern auch die Commerzbank – dummerweise mit dem alten Logo, das auch schon seit Jahren nicht mehr existiert. Mag eine Kleinigkeit sein, mir fällt so was aber aus genannten Gründen auf – und es hinterlässt einen Nachgeschmack.
Der zweite Vortrag war dann ein Abriss über die Geschichte der Mindener Partnerstädte. Durchaus interessant. Er sollte auf eine mögliche Städtepartnerschaft mit dem chinesischen Changzhou hinführen. Wie ich jetzt gelernt habe, gibt es dort nicht nur mit die größten Freizeitparks Chinas im Allgemeinen, sondern anscheinend auch einen gigantischen Dinopark. Ich vermute, derzeit noch mit künstlichen Tieren, aber wer die Raumfahrt der Chinesen ein bisschen verfolgt, kann daran ablesen, was die so alles treiben – und vor allem, wie schnell.
Etwas ernsthafter wurde zu meiner Überraschung dann doch die Frage angegangen, wie man mit dem politischen System Chinas umgehen soll. Der Partnerstadt Grodno verwehrt man derzeit alle offiziellen Kontakte wegen der dortigen Situation. Manches Ratsmitglied sieht Parallelen zu China und hätte gern logischerweise auch ein ähnliches Vorgehen. Andere beriefen sich auf das alte SPD-Motto „Wandel durch Annäherung“. Aber selbst Bernd Müller, sicherlich Freund dieser These, wies auf die anhaltende Besetzung Tibets durch China hin.
Kürzlich schrieb eine Journalistin der Tagesschau sinngemäß: Das wirklich furchtbare am „Islamischen Staat“ (IS bzw. ISIS) sei, dass er irgendwann wirklich ein Staat sein könne und dann auch so behandelt würde. Und alles Grauen, das er jetzt verbreite, sei dann wieder einmal vergessen.
Last but not least musste der Kämmerer dann berichten, dass die Bezirksregierung Detmold nicht zufrieden ist mit den Sparbemühungen der Stadt. Wie so häufig gibt es derzeit für dieses Problem noch keine Lösung. Die einzelnen Sachbereiche sind wohl um neue Erklärungen gebeten worden und auch die Politik soll sich Gedanken machen.
Was eigentlich passiert, wenn man Detmold *nicht* überzeugen kann – diese Frage wurde nicht gestellt.
Zum Glück ist nächste Woche ja schon wieder eine Ratssitzung. Ich werde das also gleich mal als Bürgerfrage einreichen – und natürlich nächste Woche dann berichten.
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