„Das Leben wird sich ändern“

m Schockraum: Said Chotta, Unfallchirurg, Orthopäde und Notarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, spezielle Orthopädie am Johannes Wesling Klinikum Minden, zeigt den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss Schule Bielefeld mögliche Behandlungen im Schockraum der Notaufnahme.

Schüler für Gefahren und deren Folgen vor dem Erwerb des Führerscheins sensibilisieren

m Schockraum: Said Chotta, Unfallchirurg, Orthopäde und Notarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, spezielle Orthopädie am Johannes Wesling Klinikum Minden, zeigt den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss Schule Bielefeld mögliche Behandlungen im Schockraum der Notaufnahme.
m Schockraum: Said Chotta, Unfallchirurg, Orthopäde und Notarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, spezielle Orthopädie am Johannes Wesling Klinikum Minden, zeigt den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss Schule Bielefeld mögliche Behandlungen im Schockraum der Notaufnahme. Foto: MMK

 

Minden(mr/mkk). Das Fallen einer Stecknadel wäre wie ein Paukenschlag gewesen. Es herrscht absolute Stille im Hörsaal des Johannes Wesling Klinikum Minden (JWK). Absolute Stille, obwohl mehr als 21 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren der Theodor-Heuss Schule Bielefeld mit ihren Lehrern vor Ort sind. Ein Film hat ihnen gerade gezeigt, was die Nutzung eines mobilen Telefons während der Fahrt für weitreichende Folgen und lebenslange Konsequenzen haben kann. Mehrere Menschen werden hier schwer verletzt, einige sterben. Die schockierenden Bilder rütteln wach und machen die Jugendlichen sichtlich betroffen.

P. A. R. T. Y.-Programm – was ist das?

Die Schülerinnen und Schüler sind anlässlich des P. A. R. T. Y.-Programms in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am JWK. Dieses Programm ist weltweit das erfolgreichste Präventionsprogramm für Schulklassen und Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren. Die Buchstaben stehen für P (prevent) Prävention, A (alcohol) Alkohol, R (risk related) Risiko, T (trauma), Y (youth) Jugendlichen. Frei übersetzt geht es um die Prävention von durch Alkohol oder risikoreiches Verhalten verursachte Verletzungen (Traumen) bei Jugendlichen. „Mir ist es außerordentlich wichtig, dass die Schüler heute hier etwas für ihr zukünftiges Leben mitnehmen“ unterstreicht Professor Dr. Johannes Zeichen, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, spezielle Orthopädie am JWK. Die Klinik von Zeichen versorgt und behandelt schwerstverletzte Unfallopfer – darunter auch Kinder und Jugendliche. Die Unfallursachen hier sind oft ähnlich: Raserei, Trunkenheit, Alkohol, Drogen oder das Smartphone am Ohr. Um junge Leute vor Verkehrsunfällen zu schützen, wollen die Unfallchirurgen sie noch vor dem Erwerb des Führerscheins über die schwerwiegenden Folgen informieren.

Ein ganzer Tag für die Prävention

Ein ganzes Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Notfallsanitätern und der Polizei haben sich einen Schultag lang ausschließlich auf die Schüler konzentriert und ihnen gezeigt, was für weitreichende Folgen ein vermeidbares Fehlverhalten haben kann. Vom Rettungswagen am Unfallort über die Einlieferung eines Verletzten in den Schockraum bis hin zur Versorgung am Krankenbett sollen die 15- bis 17-Jährigen die Folgen von zu schnellem Fahren und anderen Einflüssen aufgezeigt werden. Sie hören die Geschichte eines 25-Jährigen Patienten auf der Unfallstation, der einen schweren Unfall lebend überstanden hat, aber einen neuen Beruf erlernen muss, weil er aufgrund seiner Verletzungen dort nicht mehr arbeiten kann. Sie erfahren am eigenen Körper, wie es sich anfühlt, eine Beinprothese zu tragen, aufgesetzte Brillen suggerieren den Schülern unterschiedliche Promillebereiche – hier erfahren sie die unmittelbare Wirkung von Alkohol. „Die Altersgruppe der 16- bis 18-Jährigen ist die, die statistisch gesehen am zweithäufigsten in Verkehrsunfälle verwickelt ist“ erklärt Said Chotta, Koordinator und Organisator des Programms in der Klinik. Chotta selbst ist Unfallchirurg, Orthopäde und Notfallmediziner. Als Notarzt versorgt er Unfallopfer vor Ort und in der Klinik. Er weiß also, wovon er spricht. Genau aus diesem Grund hat er sich auch dafür stark gemacht, dieses Programm für Schulen an der Klinik anzubieten. „Es ist mir ein echtes Anliegen, den Schülerinnen und Schülern einen intensiven Eindruck davon zu vermitteln, dass sie sich in einigen Situationen selbst schützen und eigenverantwortlich handeln können. Es sterben zu viele Menschen an vermeidbaren Unfällen“ betont Chotta weiter.

Orthesen, Stützen und Bandagen

Doch nicht nur der Tod ist schrecklich, auch die Folgen schwerer Verletzungen auf das eigene Leben und die Familie können belastend sein. Das erfahren die Schülerinnen und Schüler am eigenen Leib als ihnen Physiotherapeuten Orthesen, Stützen und Bandagen für Arme und Beine anlegen, die Unfallopfer etwa nach Knochenbrüchen oder Amputationen tragen müssen. Die 15-Jährige Gresa Nimanaj, wird von der Notfallsanitäterin Janine Menge gemeinsam mit ihren Schulkollegen auf einer speziellen Trage wie ein echtes Unfallopfer versorgt und auf einer Liege fest verschnürt. „Das hat mir die Augen geöffnet. So hilflos dort zu liegen war eine echte Erfahrung für mich“ erklärt die Schülerin. „Ich habe heute gesehen, welch schwerwiegende Folgen ein Unfall auf das eigene Leben und das meiner Familie haben kann. Dieses Bild werde ich sicher in meinem Kopf behalten.“ Zu verdanken haben diesen Tag die Schüler ihrer Lehrerin Sylvia Stebbing, die sich eigeninitiativ über die Internetseite zum P.A.R.T.Y.-Programm informiert hat und den Notarzt Chotta darum bat, für ihre Klasse diesen Tag zu gestalten. Sie hofft für die Zukunft, dass sich die Schüler an alle Erlebnisse dieses Tages erinnern und an den Eingangsfilm und die bedrückende Stille im Hörsaal danach. Die Botschaft lautet: „Eine SMS während der Fahrt kann Leben vernichten“.

Zahlen – Daten – Fakten

Jährlich verunglücken in Deutschland rund 20.000 Menschen zwischen 15 und 17 Jahren – das sind circa 60 Jugendliche täglich. Etwa 100 Jugendliche sterben jährlich. Die Ursachen hierfür sind: Zu schnelles Fahren, wenig Erfahrung im Straßenverkehr, Alkohol, Drogen, Ablenkung oder das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten.